Farbmaus als Patient

Dieser Steckbrief umfasst alle Eckdaten zur Farbmaus und wurde speziell zur Verwendung in der Tierarztpraxis erstellt. Neben der unten angegebenen Literatur habe ich hier fast 30 Jahre Erfahrung mit tausenden von Farbmäusen verarbeitet. Soweit Sie bestimmte Werte also nicht in der Quellliteratur wiederfinden, entspringen sie meinem Erfahrungswissen.

Der Steckbrief ist ob des großen thematischen Umfangs stichpunktartig gehalten, um Ihnen das Auffinden einer gesuchten Information zu erleichtern. Soweit die Webseite dazu ausführlichere Informationen bietet, sind diese jeweils an der entsprechenden Stelle verlinkt.

Farbmäuse in Zahlen

Lebenszyklus

Biologie

Hämatologie

Blutchemie

Elektrolyte

Enzyme

Laborwerte Urin

Handling von Farbmäusen

Handling allgemein

Sind Farbmäuse nicht gerade sehr scheu, springen sie kaum von der Hand. Wichtig dafür: Bleiben Sie ruhig und üben Sie möglichst wenig Zwang auf das Tier aus.
Dann kommen Sie bei den meisten Patienten mit den beiden hier gezeigten Handlingvarianten schon sehr weit.
Die offene Hand eignet sich v. a. für recht zahme Tiere. Mit beiden Händen lassen sich auch scheue Exemplare gut und zuverlässig fangen.

Alternativ können Sie das Tier auch seitlich auf die Hand schieben, wenn es beim Greifen von oben Angst hat und unruhig wird. Ruhige Tiere können Sie so auch untersuchen.

So nehmen Sie eher scheue und unsichere Tiere auf.

Handling zur Untersuchung

Handling mit Handlingbox
Handlingbox: So können Sie scheue Patienten optisch untersuchen
Maus am Schwanz nehmen
So können Sie scheue Mäuse auf der Hand sichern - heben Sie das Tier dabei nie komplett hoch!
Handling mit Handtuch
Mit dem Handtuch können Sie scheue Patienten sicherer und stressärmer untersuchen.

Fixierung

Der bei Hamstern beliebte Rucksackgriff funkoniert grundsätzlich auch bei Farbmäusen – allerdings ist er nur bei eher übergewichtigen oder größeren Exemplaren sicher. Sehr kleine oder schlanke Tiere lassen sich damit schlecht fixieren.
Verzichten Sie auf diesen Griff, wenn Sie im Handling sehr kleiner Tiere ungeübt sind. Dann besteht Verletzungsgefahr für den Patienten.

Für Injektionen genügt es oft schon, den Patienten auf einer Unterlage abzusetzen, eine Falte über dem Oberschenkel zu ziehen und hier das Medikament zu applizieren. Das Gros der Farbmäuse versucht dabei, nach vorn zu laufen. Eher selten drehen sich die Tiere um und beißen auch dann fast nie. Chronische “Umdreher” können Sie kurz mit dem Nackengriff auf der Unterlage fixieren und dann die Falte zur Injektion ziehen.

So können Sie den Nackengriff schnell und sicher greifen. Hand einfach flach auf die Maus in einer Box, auf dem Tisch oder auf einer Hand legen und die Falte greifen, wenn sie versucht, zwischen Daumen und Zeigefinger hindurchzuschlüpfen. Maus max. 10 – 15 sek so fixieren. Andernfalls droht bei stressempfindlichen Exemplaren ein Kreislaufkollaps.

Handling: Nacken-Rückengriff
Nacken-Rücken-Griff: Komplette Fellfalte vom Nacken bis zum Schwanzansatz garantiert eine sehr feste Fixierung - sollte aber nach Möglichkeit nicht länger als max. 10 - 15 sek dauern. Lassen Sie dem Tier danach min. 1 min Verschnaufpause, wenn die Untersuchung/Behandlung noch nicht beendet ist. So vermeiden Sie einen stressbedingten Kreislaufkollaps (v. a. bei sensiblen Tieren).

Don'ts beim Handling

Arttypische Beißneigung

Typische Notfälle bei Farbmäusen

Atemnot

Mögliche Ursachen
Erste Hilfe
Behandlung

Massiver Schiefkopf mit Orientierungslosigkeit

Mögliche Ursachen
Erste Hilfe

Sepsis m. sehr schlechtem Allgemeinbefinden & evtl. Hypothermie

Mögliche Ursachen
Erste Hilfe

Dehydrierung

Mögliche Ursachen
Erste Hilfe

Schockreaktion

Mögliche Ursachen
Erste Hilfe

Narkose und OPs bei Farbmäusen

  • Injektionsnarkose schlechter vertragen als Isofluran -> Mortalität in der ersten Woche nach der OP auch bei erfolgreicher OP und komplikationslosem Aufwachen bei Injektion höher als bei Isofluran
  • Fellformen (Locke, Langhaar) reagieren etwas empfindlicher auf Narkose
  • Wundheilung in der Regel sehr gut, Komplikationen auch bei großen Schnitten eher selten
  • geringe Neigung, an Wundverschlüssen zu knabbern
CAVE – Wiederholte Narkosen!
Die Verträglichkeit der Narkose nimmt bei wiederholten Narkosen ab. Je kürzer die Abstände zwischen den Narkosen ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit von Komplikationen und Kreislaufkollaps und Exitus. Die Erfahrung zeigt, dass sich das Risiko erst nach 4 – 5 Monaten nach der letzten Narkose wieder auf dem normalen Level einfindet.

Arttypische Erkrankungen bei Farbmäusen

Atemwegserkrankungen

Ursachen
Symptome
Differentialdiagnosen
Behandlung

Bei Patienten mit noch gutem Allgemeinzustand:

  • Enrofloxacin oral (als Baytril, Enrofloxacin oder Enro-Sleecol; Orniflox hat sich als schlecht in Wirkung und schwierig in der Gabe erwiesen) in normaler Dosis (0,1 mg je angefangene 10 g Maus oder Gruppenbehandlung mit 1 ml Enrofloxacin 2,5% orale oder Injektionslösung auf 30 ml Wasser)
  • Alternativen: Marbofloxacin, Sulfadoxin + Trimetoprim, u. a.
  • Doxycyclin Depot s.c. nur bei Resistenzen oder sehr hartnäckigen Infekten

Bei Patienten in schlechtem bis (sehr) kritischem Zustand:

  • Doxycyclin Depot s.c. (0,05 ml je angefangene 10 Gramm Maus alle 5 Tage; bei sehr kritischem Zustand 1. und 2. Injektion im Abstand von 4 Tagen, danach alle 5 Tage bis zum kompletten Ausheilen der Symptome)
  •  Alternativ Enrofloxacin oral oder s.c. (1x tgl.; bei sehr schlechtem Zustand anfangs 2x tgl.) in Hochdosis (0,2 mg je angefangene 10 g Maus oder Gruppenbehandlung mit 2 ml Enrofloxacin 2,5% orale oder Injektionslösung auf 30 ml Wasser; Wassertherapie bei Apathie und kritischem Zustand vermeiden!)

Bei Bedarf begleitende Maßnahmen:

  • Bronchiodilatatoren (z. B. Kaffee, Thephyllin, Cortison)
  • Wärme
  • Inhalation (mit Meersalz, mit ätherischen Ölen, z.B. Thymian, Fenchel, Kamille, Pfefferminze oder mit Erkältungsbalsam, z. B. Vaporup)
  • Schleimlöser (z. B. ACC, Bisolvon)
  • Immunstimulation (z. B. Zylexis, Rodicare Immun)
  • orale Phytotherapeutika (z. B. Prospan, Bronchipret) oder Fütterung mit “Erkältungskräutern (frischer Thymian, Salbei u. Ä.)
  • bei Gewichtsverlust: Päppeln mit hochkalorischen Pasten und Breien (Proteinkomponente nicht vergessen!); Gabe von Jecuplex
Nicht immer gehen Atemwegsinfekte mit Geräuschen einher: Farbmaus mit erschwerter Atmung
CAVE – MEDIKATION BEI ATEMNOT!
Mäuse mit Atemnot müssen alle Medikamente, die ins Tier sollen, gespritzt bekommen! In der Regel bekommen Sie bzw. der Besitzer diese nicht mehr oder nicht mehr in ausreichender Menge oral in den Patienten, da er je nach Grad der Atemnot entweder nicht mehr fressen will oder schon nicht mehr kann. Erst wenn der Patient wieder besser atmen kann, kann die Therapie oral fortgesetzt werden, soweit die Medikamente dafür geeignet sind.
Chronische Atemgeräusche
Nach Ende der Behandlung sind nicht alle Mäuse symptomfrei. Es kommt v.a. nach länger unbehandelter bzw. spät erkannter Krankheit öfter vor, dass Atemgeräusche zurückbleiben, die von chronischen, irreversiblen Schädigungen der Lunge herrühren.
Auszumachen sind diese Schäden während der Therapie recht einfach: Die Geräusche verbessern sich unter der Behandlung mit dem Antibiotikum bis zu einem bestimmten Umfang und bleiben dann mit und ohne Behandlung auf diesem Niveau. Die Geräusche können sich außerdem unter Belastung (Stress) kurzfristig verstärken oder auch nur bei körperlicher Aktivität auftreten. Die Maus gilt dann als auskuriert, wenn sich die Symptome nicht mehr verbessern und ohne Antibiose nicht wieder zeitnah verschlechtern.

Kratzmaus - Ulzrative Dermatitis - Itching Mouse

Ursachen
Symptome
Differentialdiagnosen
Behandlung

Nach Ausschluss aller Differentialdiagnosen:

  • Krallen der Hinterpfoten schneiden
  • Vitamin-E-Kur (1 Tropfen Allcura Vitamin E tgl. = 36 I.E, über 4 Wochen)

Diese beiden Maßnahmen haben sich in wissenschaftlichen Untersuchungen als hilfreich erwiesen – greifen aber leider auch nicht immer. Ees gibt aber bis heute keine erfolgreiche Standardbehandlung. Daher folgen hier Maßnahmen, die zumindest in einigen Fällen zum Erfolg geführt haben:

  • Cortison lokal & oral
  • Chlorhexidin-Puder (Humanpräparat) -> nach Bedarf
  • offene Wunde veröden mit Policresulen-Konzentrat (früher Lotagen, Pentant: Albothyl aus der Humanmedizin) -> alle 24 – 48 h
  • Cortavanvance + Gentamicin (50mg/ml) -> 2ml Antibiotikum auf eine Sprühflasche -> mehrmals tgl. aufsprühen
  • Fenistiltropfen oral (2 – 4x tgl. 1 Tropfen)

Mögliche begleitende Maßnahmen:

  • Schmerzmittel
  • Fütterung von Omega-3-Fettsäuren
CAVE – NICHT CREMEN!
Salben, Cremes & Gele sowie Surolansuspension triggern bei Kratzmäusen das Kratzen häufig zusätzlich. Vermeiden Sie solche Präparate und greifen Sie für lokale Behandlungsversuche lieber zu Pudern oder wässrigen Lösungen.
Kratzmaus mit lädierten Ohren und offenem Nacken
Typisch Kratzmaus: Lädierte Ohren und ein offener Nacken
Kratzmaus mit Chlorhexidinpuder im Nacken
Kratzmaus mit Chlorhexidinpuder im Nacken
Kratzmaus am Abheilen
Gut sichtbar: Das linke Ohr ist nur noch als Rudiment vorhanden, offene Wunden, umgeben von heilendem Gewebe.

Hautveränderungen - Parasiten, Pilze, Bakterien, idiopatisch

Ursachen
Symptome
Differentialdiagnosen
Behandlung

Farbmäuse neigen generell zu Erkrankungen der Haut. Ein erhöhtes Risiko haben die verschiedenen Felllformen, wie:

  • Langhaarmaus (längeres Fell)
  • Lockenmaus (gewelltes Fell)
  • Rosettenmaus (Fell mit Wirbeln)
  • Texel/ Rex (stark gekraustes, längeres Fell)
  • Fuzzy (stark ausgedünntes, stark gelocktes Fell)
  • Patchworkmaus (Mäuse mit genetisch bedingt kahlen Spots im Fell)
  • Nacktmaus

Ist die Ursache der Hautveränderung nicht eindeutlig, hat sich im Auschlussverfahren diese Reihenfolge bewährt:

  • Milben (Geschabsel oder Suchbehandlung mit Ivermectin)
  • Pilze (Woodsche Lampe -> wenn negativ, Kultur)
  • Bakterien (Abstrich)
  • Allergietest (Streuwechsel, Heu weglassen, Suchdiät)

Zur Behandlung haben sich diese Standardverfahren als erfolgreich erwiesen:

  • Grabmilben: Ivermectin (0,1%! -> 1%ige Ivomec-Lösung 1:9 mit Propylenglycol verdünnen! -> 3x im Abstand von 7 Tagen 1 – 2 Tropfen auf gesunde Haut) + Reinigung Umgebung (Mäuse für die Behandlungsdauer in Quarantänebox; Gehege und Inventar heiß reinigen und bis Quarantäneende leer lassen)
  • Pilz: Enilconazol (Imaverol 1:50 mit Wasser verdünnen, alle 3 – 4 Tage betroffene Stellen großzügig einpinseln, bis sie durchgeweicht sind -> Tier nicht baden!) + Umgebungsreinigung nur bei massivem Befall
  • Bakterien: Antibiose nach Antibiogramm + Umgebungsreinigung nur bei nicht ohnehin omnipräsenten Keimen oder sehr hohem Keimdruck
  • Allergie: Allergenvermeidung (z. B. Safebed als Einstreu oder speziell zusammengestelltes Futter – je nach Ergebnis der Suche nach dem Allergen)
  • idiopatische Hautveränderungen: bei Wundflächen Denaturieren mit Policresulen-Konzentrat (Albothyl/ früher Lotagen), sonst symptomatisch
Nässende Läsion im Haus- und Brustbereich
Nässende Läsion im Haus- und Brustbereich

Typische Arten

  • Sarcoptes scabei
  • Notoedres muris

Symptome

  • Fellverlust (lichtes Fell, selten flächige Alopezie)
  • schuppige, trockene Haut
  • Rötungen
  • Läsionen
  • Juckreiz
  • Unruhe
  • im Verlauf verschlechterter Allgemeinzustand + Gewichtsverlust

Nachweis

  • Hautgeschabsel

Behandlung

Quarantäne

  • Mäuse: Spot-on
  • Inventar: ablagern (3 Wochen)/ heiß und mit Spüli abwaschen/ ausbacken/ einfrieren
  • Gehege: Dampfreiniger, “ablagern” (3 Wochen)
  • Quarantänekäfig wöchentlich reinigen
  • Quarantänedauer: 3-4 Wochen

Tumore

Verteilung
Symptome
Differentialdiagnosen
Behandlung

Operation in Betracht ziehen, wenn:

  • klar abgrenzbar
  • verschieblich
  • noch nicht zu groß
  • kein erhöhtes Narkoserisiko (etwa durch vorangegangene Narkose oder höheres Lebensalter)

Wachstumshemmende Mittel haben meiner bisherigen Erfahrung nach keine sichtbaren Effekte gehabt, weshalb ich hier keine empfehle. Vor allem bei jungen Tieren kann eine OP deutlich Lebenszeit und Lebensqualität gewinnen.

Bei Verzicht auf OP:

  • Schmerzmittel
  • bei Bedarf: behindertengerechte Einrichtung des Geheges, wenn der Tumor die Bewegung einschränkt

Allgemeine Erkrankungen bei Farbmäusen

Abszesse

Allgemeines
Symptome
Differentialdiagnosen
Behandlung

Subkutane Abszesse

  • Reifung abwarten (und evtl. fördern)
  • bei Gefahr, dass sich der Abszess nach innen öffnet, mit Antibiose abdecken
  • komplett gereiften Abszess am Schorf öffnen oder (wenn kein Schorf vorhanden) unter Lokalanästhesie spalten
  • Abszesstasche spülen (bewährt haben sich dafür Lavasept und Lotagenlösung) – ggf. wiederholt spülen oder vom Halter spülen lassen, bis die Tasche von innen nach außen abheilt (1ml-Spritze mit Braunüle drauf funktioniert sehr gut)
  • operative Entfernung v. a. bei sehr hartnäckigen Rezidiven sinnvoll

 

Abszesse im Schädelbereich

  • v. a. Zahnabszesse sind sehr hartnäckig -> deutlich längere Antibiose nötig als üblich
  • Antibiose -> je nach genauer Situation 1 – 2 Wochen Hochdosistherapie mit geeignetem Antibiotikum (z. B. Enrofloxacin) -> min. 4 Wochen weiter Normaldosis
  • sichtbare Abszesse nach Möglichkeit öffnen und spülen

WICHTIG: Die Strukturen im Schädelbereich von Farbmäusen sind so filigran, dass Abszesse und entzündliche Prozesse diese leicht mit abschmelzen! Um Schäden an den Knochen zu vermeiden, muss schnell und konsequent gehandelt werden. Hier bitte nicht “sanfte Medizin” o. Ä. testen und/ oder abwarten.

 

Abszesse in tieferen Geweben

  • konservativ: Antibiose -> mitunter bis zu 4 Wochen in hartnäckigen Fällen
  • invasiv: OP

 

 

Abszess am Fuß einer Farbmaus
Abszess am Fuß einer Farbmaus
Offener Abszess mit sichtbar austretendem Eiter
Offener Abszess mit sichtbar austretendem Eiter
Abszess
Offener Abszess als Folge einer Bisswunde bei einem unkastrierten Böckchen

Bisswunden

Allgemeines
Symptome
Differentialdiagnosen
Behandlung

Einzelne Bisswunden

  • Verunreinigungen mit Spüllösung (z. B. Lavasept) entfernen
  • beobachten
  • nur bei Entzündungszeichen Antibiose und/oder lokale Behandlung

Konfluierende Bisswunden mit Schorf

  • Schorf bei Bedarf mit einer Wundsalbe etwas anweichen und geschmeidig halten
  • Schorf so lange wie irgend möglich auf der Wunde halten, solange darunter kein entzündliches/ eitriges Geschehen ist
  • Wunde nach Abfallen des Schorfes penibel sauber halten (auf Zellstoff oder Safebed setzen)
  • bei noch feuchter Wunde und ungenügender Hautbildung systemisch mit Antibiotikum abdecken und je nach Lage und Befund regelmäßig spülen, mit Lotagenlösung (1:10) behandeln oder mit Chlorhexidinpuder abdecken
Bisswunde bei Farbmausbock
Riesiges Wundareal: Konfluierende Einzelwunden auf dem Bauch
VERWECHSLUNGSGEFAHR!
In der Praxis werden öfter kleine, flächige, nässende Wunden als Bisswunden klassifiziert. Berichtet der Halter von einem plötzlichen Auftreten und nicht von einem abgefallenen Schorf, kann es keine Bisswunde sein. Oft finden sich dann Bakterien, seltener Pilze bei einem Abstrich als Ursache der Wunde.

Durchfall

Ursachen
Symptome
Differentialdiagnosen
Behandlung

Erstversorgung

  • Infusion (z. B. mit Sterofundin oder Jecuplex) bei Bedarf
  • Dysticum + Naturjoghurt (1:2-3)

Weitere Behandlung

  • ursachenspezifisch

Hypothermie, Dehydration, Apathie: Lebensbedrohlicher Zustand aufgrund von Durchfall

LEBENSGEFAHR!
Leider wird Durchfall bei Mäusen immer noch unterschätzt. Bitte sehen Sie Mäuse mit Durchfall als Notfall an. Eine Verschieben der Vorstellung des Patienten auf “in 2, 3 … x Tagen” wird das Tier je nach Ursache nicht mehr erleben. Ein schneller Check kann hier lebensrettend sein!

Entwicklungsstörungen & Zwergwuchs

Ursachen
Symptome
Differentialdiagnosen
Behandlung
  • Parasitenbehandlung falls nötig (und möglich)
  • Päppeln mit Brei (Getreidebreie, Obst- und Gemüsebreie, Nussmus, …)
  • immer Proteinkomponente (gekochtes Ei o.ä.) ins Päppelfutter!
  • Jecuplex in den Brei
  • stark untergewichtige Tiere extern wärmen (Rotlicht)
Zwergwüchsige Farbmaus
Typisch Mickerling: Zu klein, zu leicht, zu dünn & schütteres Fell
Lebenserwartung
Echte Mickerlinge haben nur eine geringe Lebenserwartung, die bei durchschnittlich 5 – 6 Monaten liegt

Parasiten bei Farbmäusen

Ektoparasiten

Grabmilben

Typische Arten

  • Sarcoptes scabei
  • Notoedres muris

Symptome

  • Fellverlust (lichtes Fell, selten flächige Alopezie)
  • schuppige, trockene Haut
  • Rötungen
  • Läsionen
  • Juckreiz
  • Unruhe
  • im Verlauf verschlechterter Allgemeinzustand + Gewichtsverlust

Nachweis

  • Hautgeschabsel

Behandlung

Quarantäne

  • Mäuse: Spot-on
  • Inventar: ablagern (3 Wochen)/ heiß und mit Spüli abwaschen/ ausbacken/ einfrieren
  • Gehege: Dampfreiniger, “ablagern” (3 Wochen)
  • Quarantänekäfig wöchentlich reinigen
  • Quarantänedauer: 3-4 Wochen

Pelz- und Haarbalgmilben

Typische Arten

  • Demodex musculi
  • Psorergates simplex
  • Myobia musculi (häufigste Pelzmilbe)
  • Myocoptes musculinus
  • Radfordia affinis

Symptome

  • Fellverlust (lichtes Fell, selten flächige Alopezie)
  • oft unauffällige Haut
  • Schuppen, Rötungen, Entzündungen & Läsionen möglich
  • selten Juckreiz
  • Unruhe & hektisches Putzen

Nachweis

  • Hautgeschabsel
  • Haarbüschelprobe
  • Tesa-Abklatsch

Behandlung

Quarantäne

  • Mäuse: Spot-on
  • Inventar: ablagern (3 Wochen)/ heiß und mit Spüli abwaschen/ ausbacken/ einfrieren bei Pelzmilben/ nicht reinigen bei Haarbalgmilben
  • Gehege: Dampfreiniger, “ablagern” (3 Wochen) bei Pelzmilben/ nicht reinigen bei Haarbalgmilben
  • Quarantänekäfig: wöchentlich reinigen bei Pelzmilben
  • bei Haarbalgmilben Quarantänekäfig nicht nötig
  • Quarantänedauer: 4 – 6 Wochen bei Haarbalgmilben, 3 – 4 Wochen bei Pelzmilben

Flöhe und Haarlinge

Symptome Haarlinge

  • Alopezie (lichtes Fell)
  • Juckreiz & vermehrtes Kratzen
  • verschlechterter Allgemeinzustand bei starkem Befall

Symptome Läuse & Flöhe

  • Juckreiz & vermehrtes Kratzen
  • Unruhe
  • Hautirritationen, Kratzwunden
  • Sekundärinfektionen
  • Anämie
  • Gewichtsverlust

Nachweis

  • Flohkot
  • Nissen im Fell
  • Sichtung von verschiedenen Entwicklungsstadien am Tier & (beim Floh) in der Umgebung

Behandlung

  • Ivermectin (1 Teil 1%ige Lösung mit 9 Teilen Proylenglycol verdünnen!)
  • Selamectin
  • Advocate
  • Kieselgur (bei Flöhen, wenn Spot-on nicht möglich -> Jungtiere)

Quarantäne

  • Mäuse: Spot-on, Kieselgur
  • Inventar: ausbacken/ einfrieren/ bei Läusen und Haarlingen auch ablagern (4 Wochen) 
  • Gehege: Dampfreiniger; Kieselgur (bei Flöhen)
  • Quarantänekäfig: wöchentlich reinigen (alles wechseln, heiß ausspülen)
  • Quarantänedauer: 3-4 Wochen (Läuse/ Haarlinge)/ 6 – 8 Wochen (Flöhe)
  • bei Flöhen evtl. Umgebungs-/Wohnungsbehandlung nötig!

Blutmilben

Typische Arten

  • Tropische Rattenmilbe
  • Rote Vogelmilbe

Symptome

  • anfangs oft symptomlos
  • gehäuft plötzliche Todesfälle scheinbar gesunder Tiere
  • laufende rote bzw. dunkle Punkte im/am Gehege
  • Juckreiz & Unruhe
  • Anämie
  • Apathie
  • Kachexie

Nachweis

  • Milbe im Tesa
  • Zewa-Probe (Milbe zerdrücken -> Blutfleck)

Behandlung

Quarantäne

  • Mäuse: Spot-on
  • Inventar: ausbacken/ einfrieren/ abdampfen/ abkochen/ wegschmeißen
  • Gehege: Dampfreiniger, Kieselgur, Raubmilben
  • Gehegeumgebung: Raubmilben, Kieselgur, Fogger (nur bei massiven, älteren Befällen!), Wärmentwesung
  • Quarantänekäfig: wöchentlich reinigen, Kieselgur im Sand/ unter Streu bzw. Zellstoff
  • Quarantänedauer: 4 – 6 Wochen bei Haarbalgmilben, Gehegeabschirmung v.a. bei massiven/ älteren Befällen bis zu 6 Monate

Halter bitte auf die ausführlichen Steckbriefe zur Information verweisen!

Endoparasiten

Nematoden

Typische Arten

  • Syphacia spp.
  • Oxyuris spp.
  • Aspiculuris tetraptera
  • Dentostomella translucida (noch selten, Befunde zunehmend)

Symptome

  • meist symptomlos
  • Durchfall
  • Rektumprolaps
  • Gewichtsverlust
  • vermindertes Wachstum
  • verschlechterter Allgemeinzustand

Nachweis

  • Sammelkotprobe
  • Tesa-Abklatsch Analregion (für Syphacia ssp.)
  • (selten) Würmer im Kot sichtbar

Behandlung

  • Ivermectin (1 Teil 1%ige Lösung mit 9 Teilen Proylenglycol verdünnen!)
  • Selamectin
  • Flubendazol
  • Fenbendazol (Cave: selten schwerwiegende bis tödliche Unverträglichkeitsreaktionen bekannt!)

Quarantäne

  • Mäuse: Spot-on/ orale Wurmkur
  • Inventar: ausbacken/ einfrieren/ abkochen/ abdampfen
  • Gehege: Dampfreiniger/ Neopredisan
  • Quarantänekäfig: alle 3 Tage reinigen (alles wechseln, ausbrühen)
  • Quarantänedauer: 3-4 Wochen

Bandwürmer

Typische Arten

  • Hymenolepis nana
  • Hymenolepis diminuta

Symptome

  • meist symptomlos
  • Verstopfung
  • Darmverschluss
  • Wachtsumsverzögerung
  • Gewichtsverlust

Nachweis

  • Sammelkotprobe

Behandlung

Quarantäne

  • Mäuse: Spot-on/ orale Wurmkur
  • Inventar: ausbacken/ einfrieren/ abkochen/ abdampfen
  • Gehege: Dampfreiniger/ Neopredisan
  • Quarantänekäfig: alle 3 Tage reinigen (alles wechseln, ausbrühen)
  • Quarantänedauer: 3-4 Wochen

Kokzidien

Typische Arten

  • Eimeria spp.
  • Klosiella muris

Symptome

  • meist symptomlos
  • teils massiver Durchfall
  • verschmutzte Afterregion
  • Apathie
  • Kachexie
  • (sehr) schlechter Allgemeinzustand
  • Septikämie

Nachweis

  • Sammelkotprobe

Behandlung

  • Kokzidiol
  • Baycox (5%)
  • Dysticum (vermischt mit Naturjoghurt -> bei Durchfall)

Quarantäne

  • Mäuse: Antiparasitikum
  • Inventar: ausbacken/ abkochen/ abdampfen/ Neopredisan
  • Gehege: Dampfreiniger/ Neopredisan
  • Quarantänekäfig: alle 3 Tage reinigen (alles wechseln, ausbrühen)
  • Quarantänedauer: 4 – 5 Wochen

Giardien

Typische Arten

  • Giardia spp.

Inzwischen sehr häufig bei Mäusen!

Symptome

  • meist symptomlos
  • (teils massiver) Durchfall
  • verklebte Analregion
  • Enteritis
  • Blähungen
  • Apathie
  • Wachtsumsstörungen
  • gekrümmte Haltung

Nachweis

  • Sammelkotprobe

Behandlung

  • Metronidazol
  • Fenbendazol (Cave: selten schwerwiegende bis tödliche Unverträglichkeitsreaktionen bekannt!)
  • Flubendazol
  • Ronidazol
  • Dimetridazol
  • Tinidazol

Quarantäne

  • Mäuse: orale Medikation
  • Inventar: ausbacken/ abkochen/ abdampfen/ einfrieren/ Neopredisan
  • Gehege: Dampfreiniger/ Neopredisan
  • Quarantänekäfig: alle 3 – 5 Tage reinigen (alles wechseln, ausbrühen)
  • Quarantänedauer: 4 – 5 Wochen

Alterserscheinungen bei Farbmäusen

Farbmäuse haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von 1,5 – 2,5 Jahren. Mitunter werden Tiere aber auch 3, manchmal fast 4 Jahre alt. Etwa ab 1,5 – 2 Jahren können erste Alterserscheinungen auftreten, v. a. eine Herzschwäche

Alt, nicht lebensmüde!
Alternde Mäuse werden in der Praxis oft wegen klassischer Alterserscheinungen euthanasiert – v. a. bei Lähmungserscheinungen. Dabei sind auch die Paralysepatienten oft noch sehr lebensfroh, im Rahmen ihrer Einschränkung mobil und nehmen am Gruppenleben teil. Hier sollte eine behindertengerechte Anpassung des Geheges stattfinden. Glatte Streu wie Eurolin und schwellenlose Häuschen helfen, wunde Stellen zu vermeiden. Euthanasie ist meist nicht nötig.

Qualzuchten bei Farbmäusen

QualzuchtMögliche gesundheitliche Folgen
A(y)-Mäuse (Farbschläge dominant red, fawn, cream, sable und marten sable -> rote, gelbe und orangefarbene Mäuse
  • körperliche Einschränkung bei extrem fetten Exemplaren (beim Klettern, Laufen etc.)
  • hohes Gewicht -> Gelenk- und Organschäden
  • Neigung zu Diabetes Typ 2
  • erhöhte Tumorneigung
  • begünstigt frühes Ableben
Blackeyed White (BEW) – nur bei Zucht über Scheckung/Varigiated problematisch
  • Taubheit -> Einschränkung in Kommunikation und Lebensweise, da von der Lautkommunikation der Gruppe komplett ausgeschlossen
  • oft recht schreckhaft
  • öfter Stress als hörende Artgenossen
  • Tod von Jungtieren in den ersten Lebenswochen
Brindle (quergestreifte Farbmäuse)
  • Adipositas (Folgen siehe A(y))
  • früher Tod männlicher Jungtiere
  • sterile adulte Böcke
Langhaarmaus
  • frieren schneller
  • anfälliger für Erkrankungen der Augen und der Haut
  • erhöhtes Narkoserisiko (v. a. bei Injektionsnarkose)
Lockenmaus (gewelltes bis krauses Fell -> Rex/Texel, Frizzy, Fuzzy)
  • eingeschränkter Tastsinn
  • erhöhte Neigung zu Erkrankungen der Augen und der Haut
  • Reizungen des Lidrandes  und des Auges durch nach innen wachsende Wimpern bis hin zum Verlust des Auges
  • Reizungen der Schnauze und Einwachsen bei besonders krausen Vibrissen
  • stärkere Disposition zu Ektoparasitosen
  • erhöhtes Narkoserisiko (v. a. bei Injektionsnarkose)
Nacktmaus
  • Einschränkungen des Tastsinns
  • erhöhte Neigung zu Erkrankungen des Auges und der Haut
  • eingeschränkte Temperaturregulation
  • erhöhtes Verletzungsrisiko
  • fehlende Thymusdrüse
  • schwächeres Immunsystem
  • bei Weibchen Verlust der Fähigkeit zum Säugen

Haltung & Haltungsfehler bei Farbmäusen

HaltungsanforderungHaltungsanforderung und mögliche Folgen
  • große Lüftungsflächen im Gehege
  • unzureichende Belüftung -> Atemwegserkrankungen häufen sich
  • ideale Haltungstemperaturen 18 – 24°C
  • kälter -> höhere Infektanfälligkeit und häufigere Atemwegserkrankungen möglich
  • deutlich wärmer -> Kreislaufprobleme und Hitzschlag
  • soziale Nager -> Haltung von 4 oder mehr Mäusen
  • Einzelhaltung -> Verhaltensstörungen (v.a. übermäßige Zahmheit oder Scheu, höhere Krankheitsanfälligkeit)
  • Haltung unkastrierter Böcke -> Kämpfe und schwere Verletzungen; tote Tiere, wenn nicht gehandelt wird
  • Gehegegröße ab 100x60x60cm
  • stark dreidimensionale Gehegestruktur mit Kletter-, Lauf- und Buddelfläche
  • zu kleine Gehege -> mangelnde Fitness, koordinative Defizite, übermäßiges Nagen durch Langeweile

Fütterung & Fütterungsfehler bei Farbmäusen

Farbmäuse sind Granivoren mit einem sehr weit gefassten Nahrungsspektrum und wenigen Problemen in der Fütterung. Eine artgerechte Ernährung besteht aus einem kleinsaatenbetonten Saatenmix, dem getrocknete Kräuter, Blüten u. ä. zugesetzt sein können. Hinzu kommen Gemüse, (Wild-)Kräuter und Obst sowie Insekten und/oder gekochtes Ei für den Anteil tierischen Proteins.

Typische fütterungsbedingte Erkrankungen sind nicht bekannt. Farbmäuse haben keine gesteigerte Diabetesneigung. Probleme mit Verdauung, Immunsystem oder Haut und Fell können aber Folge sehr minderwertigen und/oder hoch verarbeiteten Futters sein.

Verhalten & Verhaltensauffälligkeiten bei Farbmäusen

Farbmäuse sind soziale Nager, die mindestens zu viert gehalten werden sollten. Dabei ist es egal, ob die Gruppe aus Weibchen, Kastraten oder einem beliebigen Zahlenverhältnis von Weibchen zu Kastraten besteht. Die Chemie zwischen den Individuen muss stimmen und bestimmt die Gruppenharmonie deutlich stärker als das Geschlecht bzw. das Geschlechterverhältnis.

Bei Haltungsfehlern kann es zu Verhaltensstörungen kommen. Besonders häufig sind die nachfolgenden:

Rasieren

Erscheinungsbild
Ursache
Lösung

Aggressive Böcke

Erscheinungsbild
Ursache
Lösung

Folgen von Einzelhaltung

Erscheinungsbild
Ursache
Lösung

Weiterführende Informationen