Vom Lebewesen zum Accessoire

Farbmaus auf der Hand

Es gibt nur eine Fraktion von Maushaltern, auf die ich noch allergischer reagiere als auf die “guck mal, ich hab jetzt Mäuse und bin hipp”-Fraktion – und das sind die Umtauscher. Ich stehe dann immer erstmal bass erstaunt davor, das man sowas überhaupt macht – nur, um dann gleich weiterzustaunen, dass die meisten dieser Exemplare nicht mal schnallen, dass man grad explodieren könnte (und vor allem, waaaaarum).

Gefällt nicht, geht zurück

Klingt so ein bisschen wie Pulli online bestellt und live ist die Farbe doch Scheiße? Ist es auch. Umtauscher haben wenig Hemmungen, keine Skrupel und scheinbar noch weniger Hirn. Die Mäuse passen nicht wie gewünscht? Dann gehen die zurück und man besorgt, was passt.

Der Klassiker: “Guckt mal, unsere neuen Mäuse. Sind die Jungs nicht süß?” Bekommt der Umtauscher dann in der Diskussion raus, dass seine unkastrierten Buben ne saublöde Idee waren, ist die Lösung ganz einfach. Man stellt fest, man habe sich vorher gründlich informiert – aber das habe man echt nicht wissen können.

Manchmal schon Stunden später postet der Umtauscher dann stolz die nächsten Bilder: “Guckt mal, meine Mädels.” Auf die irritierte Frage einiger User, wo die Jungs denn hin seien, antwortet dieses Exemplar intellektuellen Durchzugs dann, als sei es das Selbstverständlichste der Welt: “Die hab ich zurückgebracht.”

Auf dem Weg hat man dort dann gleich Mädels mitgenommen – oder fühlt sich total super, weil man ja dazu gelernt und die Mädels woanders geholt hat. Mehr Aufwand, als bei C&A nen Pulli umtauschen oder dort zurückgeben und bei Orsay einen neuen kaufen, ist es auch nicht. Nur sind Mäuse eben keine Pullis!

Meine Sympathie für Brennnesselbüsche

Mäuse sind Lebewesen. Wenn man die anschafft, dann übernimmt man Verantwortung für ein Leben. Ja, für ein ganzes Leben, von dem dieses Wesen nur ein einziges hat. Und wenn Ihr Euch ein (oder mehrere) Lebewesen anschafft, ist es auch Euer verdammter Job, es auszubügeln, wenn Ihr Bockmist gebaut habt! Ihr müsst die Verantwortung für dieses Leben mindestens so lange übernehmen, bis Ihr sie an jemanden weitergeben könnt, der sich kümmert – und das ist weder die Zoohandlung, noch der Vermehrer, wo Ihr die Kurzen her habt.

Mein Job ist es, den Leuten unter die Arme zu greifen, die ihren Bockmist selber ausbügeln. Da greif ich gern zum Bügeleisen und mache mit. Die Kurzen können schließlich nix für manchmal echt bös verfahrene Situationen. Und ein Halter, der sagt:”Ey, ich hab’s verbockt, wie kommen wir da wieder raus?” ist mir tausendmal lieber, als einer, der einfach umtauscht – auch wenn er tausendmal mehr Arbeit macht als ein Umtauscher.

Den Umtauscher möchte ich dafür so lange nackt mit dem Brennnesselbusch ums Dorf jagen, bis er merkt, was er da macht. Und da meine ich nicht nur die ziemlich fragwürdige Ethik solcher Exemplare. Der Pulli kommt zurück ins Regal. Und die Maus?

Aus den Augen, aus dem Sinn

Mit der Rückgabe und dem Neuerwerb ist für den Umtauscher die Sache erledigt. Für die Mäuse eher weniger. Für die gibt es verschiedene Optionen, von denen keine wirklich schön ist.

Der kürzeste Weg ist der zurück in den Laden, da an die Wand und von dort in die Kühltruhe. Macht zwar angeblich keiner. Aber eben nur angeblich.
Nicht viel besser ist, die Jungs wieder zurück in ihre Gruppe zu setzen. Die ortsansässigen Eierträger erkennen ihre Ex-Kumpels nämlich nicht mehr und reagieren entsprechend. Je nach Aggressionspotenzial der Sippe kann das am nächsten Morgen schon erledigt sein. Destination: Mülleimer oder Kühltruhe. Bei weniger garstigen Sippen kassieren sie die nächsten Tage Keile und haben den Stress ihres Lebens, bis sie dann doch die Wand oder alternativ die Schlange treffen.
Oder sie werden an den nächsten ahnungslosen Liebhaber verkauft. Haben sie Pech, landen sie wieder bei einem Umtauscher. Es bleibt ihnen also nur zu wünschen, dass sie dann einen der Halter mit Hirn und Herz erwischen, der ihnen doch noch ein Leben als Maus ermöglicht.

Nicht zuletzt bergen auch die neuen Damen ein gewisses Risiko – das nämlich von Inkognito-Mäusen, die unser Umtauscher vielleicht bald im Käfig findet. Da sind sie dann auch wieder, die ungeliebten Jungs. Und diesmal kann man sie nicht umtauschen. Manchmal möcht ich es dem Umtauscher wünschen, dass er genau diese Katastrophe abfasst. Warum ich es dann doch nicht tue? So gemein bin ich nicht. Ausbaden würden es nämlich wieder die Mäuse – und die täten mir leid …

Nebenwirkungen: Warum Ihr wissen solltet, was Ihr tut

Tüpfelgrasmaus und Streifengrasmaus

Die meisten Medikamente haben nicht nur Wirkungen, sondern auch Nebenwirkungen. In der Regel halten die sich in Grenzen. Mitunter können sie aber sogar Leben fordern. Leider steht nicht jede Nebenwirkung, die bei Mäusen so auftritt, auch in der Fachliteratur. Die interessiert sich nämlich eher selten für Mäuse als Patienten. Für kleine Nager heißt das öfter mal: Jugend forscht.

Paracelsus hatte recht

Diese Forschung ist aber nur dann sinnvoll, wenn Ihr wisst, was Ihr da tut. Das heißt: Ihr solltet immer wissen, welches Medikamen mit welchem Wirkstoff Ihr in welcher Dosierung verabreicht. Habt Ihr nämlich Probleme bei der Verträglichkeit und wollt nachfragen, ob das schon mal jemand hatte, müssen Eure Konversationspartner sicher sein, dass Ihr das korrekte Mittel ebenso korrekt dosiert habt.

Nur wenn Nebenwirkungen bei korrekter Medikamentierung und Dosierung auftreten, sind sie auch für andere Halter und künftige kleine Patienten von Bedeutung. Wer Nebenwirkungen provoziert, weil er zum Beispiel gnadenlos überdosiert und diese Nebenwirkungen auf das Medikament als solches zurückführt, verfälscht die Infolage. Schließlich wusste schon der gute Paracelsus: Die Dosis macht, dass ein Ding ein Gift ist.

So nicht …

Nehmen wir zum Beispiel Nuflor mit dem Wirkstoff Florfenicol. Da kam eine besorgte Halterin zu mir, ihr Tierarzt hätte ihre Maus fast umgebracht. Das kleine Tierchen hatte einen hartnäckigen Infekt und das zweite Mittel der Wahl war Nuflor, nachdem Baytril nicht tat, was es sollte. Eine Entscheidung, die ich durchaus noch nachvollziehen konnte. Immerhin ist Nuflor für Mäuse ein seltenes Antibiotikum und könnte bei vermuteten Resistenzen durchaus was tun.

Der Maus sei es aber nach einer Woche massiv schlechter gegangen. Ich lasse mir Bilder und Videos zeigen und sehe tatsächlich eine käsebleiche, sehr ruhige Maus. Ein Bild, das ich als Nebenwirkung von Nuflor durchaus kenne – allerdings erst nach 4 Wochen Gabe oder länger, also nach einem Zeitraum, in dem die übliche Antibiose längst beendet ist.

Me wundert sich und fragt nach: “Dosis?” Erstaunte Rückfrage: “Ja, wie Dosis? Sie bekommt es morgens und abends.” Nach einigem Hin und Her ist klar: Mausi bekam fast die dreifache Dosis oral. Nuflor sollte man nach Möglichkeit aber wirklich spritzen und seeeehhhhr genau auf die korrekte Dosierung achten, da schon leichte Überdosen genau das präsentierte Problem provozieren.

Fazit dieses Falles: Solche “Ungenauigkeiten” verfälschen die Nebenwirkungsstatistik und das schadet der gesamten Haltergemeinschaft. Wir sind auf korrekte Gaben und Berichte angewiesen, um aus der praktischen Erfahrung das zu lernen, was in Büchern nicht steht. Außerdem find ich es nicht fair, so einen Mist zu fabrizieren und es dann dem Tierarzt in die Schuhe zu schieben.

So geht’s richtig

Ein trauriges Beispiel hat mir dieses Jahr Panacur geliefert. Eine Familie sollte damit ihre beiden – klinisch unauffälligen – Mongolen behandeln. Die hatten Nematoden, wie bei einer Kotprobe herauskam. Bei mir lief die Mama der Familie auf, nachdem eine Maus schon gestorben war. Der anderen ginge es furchtbar schlecht.

Die Mäuse waren mit Panacur mit der Dosierung und dem Behandlungsschema aus der Mäusebibel (Glöckner/ Ewringmann 😉 ) behandelt worden. Warum sich der Tierarzt für Panacur entschieden hat, ist mir immer noch ein Rätsel.

Ich hangle mich also durch. Dosierung korrekt. Gabeturnus korrekt. Tiere vor Behandlung fit. Der Verfall begann ab dem 3. Gabe-Tag. Weitere Vorerkrankungen waren nicht bekannt. Somit wandert dieser Fall ab in meine Hinterkopfstatistik.

Das solltet Ihr immer wissen

Auch Ihr könnt helfen, echte Nebenwirkungen zu finden, damit die Lücken in der Literatur geschlossen werden können. Dafür solltet Ihr immer die folgenden Angaben notieren:

  • Medikament (Markenname und Wirkstoffe(e))
  • Konzentration des Medikamentes (manche gibt es in verschiedenen Konzentrationen)
  • Gabemodus und -turnus
  • beobachtete Nebenwirkunen (was? ab wann? weitere Entwicklung?)

Damit helft Ihr nicht nur Euren Tieren, sondern auch anderen Haltern – und rettet vielleicht sogar ein Leben.

Florian – Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

Langhaar-Farbmaus

Florian –
oder Flo, wie seine Mama immer sagte – war ein kleiner, schwarzweißer
Mäuserich. Oft hatte er das „Flo“ nicht gehört. Noch keine vier Wochen war er
alt gewesen, als Menschen kamen und ihn und seine Geschwister grob am Schwanz
von ihr wegzerrten. Aua! Das tat weh. Flo rieb sich den Po, während seine
Geschwister und viele andere Mäuse panisch durch die dunkle Holzkiste rannten,
in die man sie gesteckt hatte. Schließlich drückten sich alle ängstlich in eine
Ecke – und Flo mittendrin.

Jemand trug
sie weg. Es wurde laut und rumpelte eine ganze Weile. Schließlich schlief der
kleine Mäuserich erschöpft ein. Wach wurde er, als jemand den ganzen Trupp aus
der Kiste kippte. Flo landete unsanft auf glattem Kunststoff. Alle saßen dicht
gedrängt und sahen an den hohen Wänden des Eimers hinauf. Jemand legte ein
Gitter darüber und sagte: „Die sind für morgen.“
Flo hatte Hunger und Durst. Seit er von zu Hause weg war, hatte er nichts mehr
gegessen oder getrunken. Aber in dem Eimer gab es nichts außer Artgenossen,
Angst und schlechten Gerüchen.
Am nächsten Tag trugen Menschen den Eimer weg. Es roch komisch und jemand
machte „huhuuuu“. Dann waren die ersten Kumpels auch schon weg.

„Den nicht.
Den nehm ich meiner Tochter mit“, hörte Flo jemanden sagen. Kurz darauf fand er
sich in einer Schachtel und wenig später in ungeschickten Kinderhänden wieder.
Mit glänzenden Augen zeigte ihm Klara – so hieß sein Mensch – sein neues
Zuhause: eine Aufbewahrungsbox.
Klara liebte Flo und brachte ihm viele leckere Sachen. Das Essen war gut. Doch
es konnte nicht über die Einsamkeit und Langeweile hinwegtäuschen, die immer
stärker an ihm nagten. Eines Tages weinte Klara fürchterlich, als er wach
wurde. Kurz darauf kam Klaras Papa und steckte Flo sehr unsanft in eine
Schachtel. „Der stinkt zum Himmel! Der kommt weg.“

Nach viel
Lärm und Geschaukel gab es einen Rumms und dann war Ruhe. Und es wurde schnell
immer kälter. Flo beschloss nachzusehen, was da war, und nagte sich aus seinem
Behältnis. Er fand sich wieder zwischen zwei Kaffeebechern, einigem Papier,
einer Bananenschale und einem Kaugummi, an dem er fast festgeklebt wäre. Bäh!
Emsig suchte er nach Essbarem und etwas Wärme, als ihn eine Hand vorsichtig aus
dem Müll fischte. Sie steckte ihn in eine warme Jackentasche. Dort kuschelte
Flo sich ein und lauschte einem kurzen Telefongespräch: „Du glaubst nicht, was
ich gefunden habe …“ Unverständliches Gemurmel am anderen Ende der Leitung.
„Eine Maus.“ „…“ „Ja, eine Maus im Papierkorb. Keine Ahnung, wohin mit dem
armen Ding.“ „…“ „Kann ich dir die wirklich bringen? Morgen?“ „…“ „Alles
klar. Dann bis morgen!

Die Nacht verbrachte Flo in einem großen Karton mit einer Schüssel so voller Haferflocken, dass er geplatzt wäre, hätte er alle essen wollen. Auch der Apfel war sehr lecker – und der Mensch anscheinend sehr nett. Er ging vorsichtig mit ihm um. Ganz behutsam packte er ihn mit seinem Karton ein, trug ihn durch die halbe Stadt, durch ein Gartentor hindurch und vorbei an einem Beet voller Ringelblumen, die noch so spät im Jahr Farbenkleckse zauberten.
Hier drückte sein Finder Karton samt Flo einem anderen Menschen in die Hand. Dieser Mensch lupfte vorsichtig den Deckel und lächelte Flo an: „Ich hab da wen für dich.“

Kurze Zeit
später saß der zarte, kleine Schecke fünf dicken, gemütlichen Kastraten
gegenüber. Flos Herzchen schlug bis zum Hals. Was, wenn sie ihn nicht mochten?
Er hätte keine Chance gegen die fast doppelt so großen Artgenossen und immerhin
saß er dem Geruch nach in ihrem Zuhause.
Doch sie mochten ihn. Und er mochte sie – besonders Balthasar, einen
langhaarigen Blacktan. Balthasar war einfach toll. Er zeigt Flo so viele
Sachen, die er noch nicht kannte. Aber Balthasar war eben weise. Immerhin war
er doppelt so alt wie Flo, nämlich schon ein ganzes Jahr alt.
Der kleine Mäuserich blühte auf. Hier war es schön. Es gab Kumpels und Platz
und Essen und Spielzeug und … einfach alles. Schon nach einer Woche konnte er
sich kaum noch an sein Leben vor diesem Ort erinnern. Dankbar kuschelte er sich
ganz fest an Balthasar und schlief selig ein.

Geweckt
wurde er von einem Tippen auf die Schulter. Eine große, weiße Maus stand vor
ihm. Das war nicht Balthasar und auch sonst keiner aus seinem Zuhause. „Komm“,
sagte die Maus und schob Flo sanft in Richtung einer Tür, die er hier vorher
noch nie gesehen hatte. Dahinter begann eine Brücke mit Fenstern links und
rechts und einem regenbogenfarbenen Boden.
Vorsichtig näselte Flo in Richtung eines Fensters. „Schau ruhig“, sagte die
weiße Maus. Flo spickte hindurch. „Mama!“ Durch ein anderes sah er einen
Papierkorb. Dann Balthasar. Und schließlich seinen Menschen, der weinend einen
Blumentopf mit Moos, einem Stein und einer Kerze ins Fenster stellte.

Für einen
Moment wurde Flo schwer ums Herz. „Du musst nicht traurig sein“, sagte die
große, weiße Maus und schob ihn durch eine zweite Tür. Hier war alles hell und
groß und voller Mäuse, die spielten, kuschelten, aßen, schliefen … „Hier wird
Dir nie wieder ein Leid geschehen und Du wirst nie wieder allein sein“, tröstet
ihn die weiße Maus.
„Warum bin ich hier?“, fragte Flo die Maus. „Weil Dein Schicksal erfüllt ist.“
Sein Schicksal sei es gewesen, ein Zuhause zu finden und geliebt zu werden,
erklärte die weiße Maus. Das darf er hier jetzt für immer haben.

„Weil heute Weihnachten ist, darfst Du Dir auch noch etwas wünschen“, flüsterte ihm die Maus zu. Florian überlegte kurz angestrengt, dann strahlte er sie an und flüsterte ihr seinen Wunsch ins Ohr. Die Maus sah ihm tief in die Augen: „Bist Du sicher?“ Flo wurde rot und nickte: „Ich brauch es ja nicht mehr. Ich bin jetzt hier.“
Die weiße Maus nickte bedächtig. „Gut. Dann schau mal aus dem Fenster dort.“ Flo stellte sich auf die Zehenspitzen und schaute hinaus. Ganz tief unter ihm lag eine weiße Winternacht in klirrender Kälte. Ein Mensch war gerade im Begriff, ein Päckchen in einen Papierkorb an der Straße zu werfen. Im letzten Moment überlegte er es sich und ging weiter, das Päckchen unter dem Arm. Er bog um die Straßenecke, schlurfte noch einige Meter weiter, bevor er durch ein Gartentor ging, vorbei an einem Beet, in dem noch das Grün von Ringelblumen aus dem frischen Schnee hervorlugte. Dann stellte er das Päckchen auf den Treppenabsatz vor der Tür, klingelte – und ging. Die Tür öffnete sich und jemand nahm im warmen Schein von Kerzen das Päckchen mit nach drinnen.

Flo
lächelte, schaute zu der großen weißen Maus auf und sagt: „Jetzt ist alles gut.“

Dümmer geht (n)immer – Teil 2

Wenn Ihr denkt, das mit der Spitzmaus war einen Eintagsfliege, muss ich Euch leider enttäuschen. Bei manchen Leuten frag ich mich wirklich, ob da oben im Kastl Spinnen hausen oder gruselige Tumble Weeds durch die Gegend kullern. Mangels Hirn wäre zumindest ausreichend Platz – beispielsweise beim heutigen Exemplar aus der Reihe “Nicht Dein Ernst!?” … Da hab ich echt kurz überlegt, ob ich die Beratung an den Nagel hänge.

Wärmeglas

Zu Hülf! – Aber wie?

Manche Leute kommen zu Mäusen wie die Jungfrau zum Kinde. Besonders einfach ist das bei Wildmäusen. Man kann den Findern also schlecht verübeln, wenn sie eher dürftig für den Notfall ausgestattet sind – sprich gar nicht. So auch der Finder einer etwa 8 Wochen alten, unterkühlten Waldmaus.

Die konnte er da unmöglich liegen lassen, erklärt er mir lang und breit und auffallend höflich. Aber sie frißt halt nix. Was tun? Ich erkläre also helfend: Maus muss warm sein, weil wo nix Körpertemperatur, da nix Verdauung und in der Folge auch nix Appetit. Also am besten unter ein Rotlicht. Das wärmt gut durch.

Hat er nicht. Ok, haben die meisten nicht. Ob Heizung geht? Wenn er die Maus braten will, dann ja. Also keine Heizung. Heizdecke wäre ok, wenn regelbar. Hat er auch nicht. Wärmflasche vielleicht? Nein, auch die besitzt er nicht. So langsam wird es dünn. Letzter Versuch: Schraubglas nehmen, mit heißem Wasser füllen, Handtuch drum, Maus ins Handtuch kuscheln.

Mein Gegenüber strahlt so glücklich, dass die Bits in der Leitung glühen. Ja, ein Glas hat er. Prima. Also hurtig, hurtig, Mausi anwärmen – aber bitte laaangsam, damit der Kreislauf mit seinen Runden auch hinterher kommt.

Aufgewärmtes Essen

Zwei Stunden später bekomme ich eine aufgeregte Nachricht. Die Maus krabbelt wieder rum. Was er denn füttern soll. Ich schicke ein Stoßgebet gen Himmel und sage “zarte Haferflocken”. Mein Gebet wird erhört. Er hat tatsächlich welche.

Die bitte zum Teil einweichen und als Brei anbieten und dazu noch ein paar trockene Flocken, damit Mausi sich das raussuchen kann, wie sie das gern hätte.

Zehn Minuten später bekomme ich begeisterte Dankesbekundungen. Mausi ist zwar noch sehr ruhig, versucht aber schon zu fressen. Prima. Ich erinnere noch daran, dass das Glas vor dem Schlafengehen und nach 4h mit warmem Wasser neu befüllt werden sollte und wünsche eine gute Nacht.

Schwimmstunden im Innenpool

Am nächsten Morgen erkundige ich mich unbedarft nach Mausis Befinden. Man bedankt sich artig und höflich bei mir. Der Tipp mit dem Glas sei super gewesen. Sie hätte dann wieder angefangen zu fressen. “Na prima”, denk ich mir und will schon einen Haken dran machen.

Da kommt der Zusatz, der mich mal wieder für meine eigene Spezies in Grund und Boden fremdschämen lässt: Also, der Tipp sei super gewesen, aber Mausi ist tot. Ich bin irritiert. Haben Wärme und Futter nicht gereicht? Doch, doch, schon … Aber sie sei leider ertrunken.

Ich bin verwirrt. In einer Breischüssel ist noch keine Maus ersoffen. Nope, in einer Breischüssel nicht – aber in einem Wärmeglas, genauer gesagt, in diesem Wärmeglas. Noch bevor mein Gehirn die Biegung selbständig nehmen kann, bekomme ich den freundlich formulierten Hinweis: “Sie sollten vielleicht künftig dazu schreiben, dass auf das Glas ein Deckel muss.”

Ja, wie soll ich auch ahnen, dass man ein Schraubglas offen lässt!? Wozu, hat er denn gedacht, dass das ein Schraubglas sein muss!? Ich seufze resigniert, wünsche dem überaus freundlichen und wirklich netten, aber nicht ganz hellen Finder einen schönen Tag – und ergänze meinen Artikel zu den Wärmequellen für kranke Mäuse. So, und jetzt wisst Ihr auch, wie dieser ominöse Zusatz in den Artikel kommt – sicher ist sicher …

Dümmer geht (n)immer – Teil 1

Es gibt so Momente im Leben einer Pflegestelle, da denkt man: ‘Nee, nicht Dein Ernst, oder???’ Man möchte über die Dummheit mancher Leute lachen – wenn die Folgen für die Mäuse nicht so tragisch wären. Wer also bei der Lektüre hofft, dass die nachfolgende Episode zu seiner Erbauung erfunden wurde, den muss ich enttäuschen. Sie ist tatsächlich passiert.

Eigentlich ist das alles ganz einfach

In mein Postfach segelte vor nicht allzu langer Zeit eine Nachricht, deren panischen Unterton ich schon fast hören konnte. Völlig aufgelöst tröpfelte eine Mittzwanzigerin in meine virtuelle Stube. Im Gepäck ein Video von einer leicht desorientierten, sonst aber unversehrten und recht mobilen Gartenspitzmaus. Das bedauernswerte Tier sei in einen Kellerschacht gefallen. Wie sie denn helfen könne?

Ich schaue auf die Uhr: 20.30 Uhr. Mal eben irgendwo Insekten kaufen oder bei einer Pflegestelle in der Nähe schnorren, wird wohl schwierig. Meine Konversationspartnerin starrt mich so entsetzt an, wie es Bits und Bytes erlauben. Insekten seien absolut eklig. Und außerdem sei sie Veganerin und kaufe keine Tiere für Nahrungszwecke.

Ok, Insektenphobiker. Na, bevor sie mir noch einen Herzklabaster kriegt, schicke ich sie lieber zum Nachbarn oder in den Markt, ein Ei oder Rindertartar holen. Wenn das Tierchen gegessen und getrunken hat, sollte es ihm schnell wieder besser gehen.

Spitzmaus-Abendbrot mit Hindernissen

Ihre Stimme in meinem Kopf rutscht noch eine entsetzte Oktave nach oben. Sie sei Veganerin. Ob ich das überlesen habe. Es folgt ein pseudoreligiöser Sermon über vegane Ideale mit ordentlichen Seitenhieben auf böse, morallose Omnis. Ich gebe mir sehr Mühe, das zu ignorieren und bei den Fakten zu bleiben. Wer mein loses Mundwerk kennt, weiß, sowas klappt bei mir eher mittelmäßig.

Ok, ich habe verstanden. Sie holt kein Ei und kein Tartar. Ich kann mir dann doch nicht kneifen, zu sagen was ich denke: “Dann schmeiß sie doch an die Wand! Geht schneller als Verhungern …” Bumm. Funkstille. Eine ganze Stunde lang …

Dann kommt ein mauliges “Ist Hack auch ok? Tartar gab es nicht …” Prima! Sie hat scheinbar ihr Hirn wiedergefunden und war im Markt, dem Zwerg was holen. Ja, Hack ist auch ok. Danach wieder Funkstille … mehr als 24 Stunden lang.

Von Rinderhack zu Hack “Typ Rind”

Dann ergießt sich über mir ein Schwall übelster Beschimpfungen, von denen “inkompetent” noch die netteste war. Dem Wortschwall entnehme ich nicht nur einige mir bis dato unbekannte Schimpfwörter, sondern auch, dass Mausi verstorben ist.

Ich stehe auf dem Schlauch. Im Video sah man ein Tier, das ein bisschen lange nix zu essen hatte. Mit warm und einer Mahlzeit, sollte das zu lösen sein. Sie habe das Hack nicht angerührt, erfahre ich. Dabei habe sie extra “Typ Rind” gekauft. Moooooooment … “Typ” steht doch eigentlich nur auf Sachen, wo nicht drin ist, was drauf steht. Ich trau mich kaum zu fragen, tue es aber trotzdem.

Ja, natürlich veganes Hack! Was ich denn sonst glaube. Riecht und schmeckt wie echtes Rind. Meine Kinnlade knallt mit Schwung auf den Boden. Als ich die wieder eingesammelt habe, frage ich sie, was sie eigentlich glaubt, wozu Spitzmäuse quasi zur Hälfte aus Nase bestehen!? Sie habe das Mäuschen verhungern lassen für ihr verqueres Ideal, lasse ich sie wissen. Diese Nase bescheißt auch das beste Pseudofleisch nicht.

Ich könne nur nicht zugeben, dass ich keine Ahnung habe, bekomme ich noch hingebraten, bevor sie mich blockt. Wie Recht sie hat. Ich hatte keine Ahnung, dass ein Mensch “Soja” verstehen kann, wenn ich “Rind” sage!

Wie gehe ich mit Mäuseböcken (nicht) um?

Verletzter Farbmausbock

Dass Farbmausböcke unkastriert tickende Zeitbomben sind, weiß heute fast jeder. Glimmt die Lunte des Streits einmal, ist das wie Napalm. Ihr kriegt sie nicht mehr gelöscht und irgendwann fliegen Euch die Jungs mit lautem Getöse (Verletzten und im schlimmsten Fall Toten) um die Ohren. Nur ganz vereinzelt finden sich immer noch Minusintelligenzler, die meinen, das geht schon irgendwie ohne. Über die nachfolgende Perle möchte man fast lachen, so weit schießt sie an der Realität vorbei – würde sie nicht unglaubliches Leid noch weiter vergrößern, statt es zu beenden. Das Bittere: Die Rezipienten sind Tierheime in Deutschland, die dringend Hilfe wegen ihrer streitenden Farbmausjungs aus einem gewissen Notfall suchen. Den Absender des Pamphlets könnt Ihr Euch dann vielleicht denken. Ich zumindest hätte etwas mehr Kompetenz aus dieser Richtung erwartet.

Alizin – Die wollen leben!

Albino-Farbmäuse

Kaum etwas erhitzt die Gemüter so intensiv wie der ewig tobende Streit um Alizin für potenziell tragende Mäuse. Über den Einsatz kann man debattieren, wenn es nur eine oder zwei Mäuse sind. Aktuell reden wir – je nach Quelle – von 3000 bis 5000 Tieren und nein, da ist keine Null zu viel. Das Gros davon trägt auch noch die besonders “beliebte” Färbung: weiß mit roten Augen. Von diesen 3000 bis 5000 Mäusen sind also so einige Weibchen dabei und ein ganzer Schwung auch schwanger. Während bei mir da im Hinterkopf innerhalb von Millisekunden begleitet von schrillen Sirenen eine schreiend rote Leuchtschrift mit “ALIZIN” aufglüht, scheint in dem Moment bei anderen eine lustig tuckernde Maschine anzurattern, die rosa Glitzer ausschmeißt. Anders kann ich mir nicht erklären, was da grad in A-Town abgeht.

Dr. vet. med. “Das hat bei mir auch immer funktioniert!”

FarbmäuseVeterinärmedizin ist einer der komplexesten Studiengänge überhaupt. Da können selbst Humanmediziner einpacken und die müssen schon fies viel lernen, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Manchmal frage ich mich nur, warum man dafür überhaupt studieren muss, wenn das doch eigentlich ganz einfach ist. Das zumindest könnte man meinen, wenn man mal so in die üblichen Facebook-Gruppen schaut. Kaum kommt jemand mit einem medizinischen Problem ums Eck, schnippen mindestens fünf Schlaumeier aus irgendeinem dunklen Kellerverlies und wissen ganz genau, was zu tun ist, weil das bei ihnen ja soooo gut funktioniert hat und das bei ihnen eben immer so war.

Zweierlei Maß – Was Mäuse wirklich wollen

Rötelmaus mit Sonnenblume

“Bei Dir lebt sie noch besser als artgerecht.” Diesen Satz hab ich letztens auf Facebook gelesen und mir ist immer noch schlecht, wenn ich drüber nachdenke. Vor allem, weil es um eine einzelne Rötelmaus unter Farbmäusen ging. Was mich seitdem nicht mehr loslässt: Was ist denn bitte “besser als artgerecht”? Artgerecht bedeutet doch, dass man der Art gerecht wird, also alle Bedürfnisse eines Tieres in der Weise erfüllt sind, wie es das wirklich braucht. Was ist bitte noch besser als die Erfüllung aller artentsprechenden Bedürfnisse?

(Un)Sinniges zum Protein

Argentinische WaldschabenKrabbel, krabbel, mampf, mampf … Dass Farbmäuse keine Vegetarier sind, hat sich heute schon ein gutes Stückchen rumgesprochen. Für alle, die das noch nicht (so genau) wissen, gibt es entsprechende Artikel im Netz. Nicht alle digitalen Ergüsse zu diesem Thema führen allerdings auch zu den Erleuchtungen des Lesers, die im Sinne der Mäuse und einer korrekten Information des Halters wünschenswert wären. Deshalb soll es heute denn auch um einen Artikel gehen, der den geneigten Leser in etwa so gut über Eiweißfutter für Mäuse informiert wie die Bibel über die Evolution der Arten.